Akademischer Alpenverein München

Bergtouren, Vorträge, Expeditionen

Echte Bergsteiger

In der längst vergangenen, goldenen Zeit der Fiechtl Haken, da gab es sie noch, die echten Bergsteiger. Echte Bergsteiger kletterten auf wilde Berge, und die anderen taten es eben nicht.

Heute aber leben wir in einer Welt, in der kleine Jungs und Mädchen nach den ersten drei Monaten Klettern schon im achten Grad unterwegs sind. Jeder kann sich ein Topo über eine Tour besorgen, die früher nur von Mund zu Mund beschrieben wurde. Niemand weiß mehr, wie ein Haken beim Einschlagen klingt, dafür hört man die Akkubohrer schon von weitem. Keiner geht mehr einen schrofigen, vereisten Zustieg zu einer brüchigen Tausendmeter Wand, um nach drei Biwaks halbverhungert oben anzukommen.

Der beste Weg, einen der noch verbliebenen echten Bergsteiger zu erkennen, führt über seine Ausrüstung. Echte Bergsteiger verwenden keine Expreßschlingen, dafür aber noch die guten alten Salewa Hohlkarabiner. Echte Bergsteiger tragen eine alte löchrige Faserpelzjacke mit hohem Kragen oder mit Kapuze, damit sie im Notfall im Dülfersitz abseilen können. Ihre Hose stammt aus der Schulzeit, weil das neumodische Zeug unpraktisch und zu teuer ist. Zu ihrer Ausrüstung zählt stets ein Felshammer, den sie auch als Eispickel einsetzen können. Echte Bergsteiger markieren in ihrem "Pause" (Im extremen Fels) alle schon begangenen Touren. Echte Bergsteiger haben keine Mittenmarkierung am Seil. Sie wissen auch so, wann die Hälfte des Seiles durch die Abseilöse gezogen ist. Normalerweise seilen sie aber nicht ab, sondern klettern in Höchstgeschwindigkeit die vereiste Rinne auf der Rückseite des Berges wieder hinunter.

Ein echter Bergsteiger geht nicht den mit Bohrhaken vorgezeichneten Weg, sondern steigt die wacklige Variante neben der gerade im achten Grad kämpfenden Seilschaft durch, um schneller oben zu sein und sich nicht mit irgendwelchen lächerlichen zwei Metern Fels abzugeben. Echte Bergsteiger findet man z.B. am Piz Ciavazes oberhalb des Gamsbandes, weil ihnen unterhalb die Wege zu übervölkert sind. Modetouren gehen sie nur im Winter, während Sportkletterer in Südfrankreich gebräunt werden. Echte Bergsteiger gehen natürlich auch auf Expeditionen. Weil sie keine Lust haben, einen Himalaya-Riesen mit zehnmal Hochsteigen und Hochlageraufbauen zu erreichen, begeben sie sich schnellstmöglich ins oberste Lager, warten gutes Wetter ab und steigen über den Gipfel wieder nach unten. Erfrierungen sind dabei nur ein kleines Übel, die Mehrzahl der echten Bergsteiger weiß, daß man auch in Schuhgröße 34 sehr gut klettern kann.

Im allgemeinen findet man den echten Bergsteiger im Gebirge. Sollte er sich ausnahmsweise nicht dort aufhalten, so ist er mit etwas Glück doch noch zu erkennen: Der echte Bergsteiger erschrickt furchtbar, wenn irgendein Gegenstand vom Tisch fällt. Das ist für ihn so, als würde sein Material vom Standplatz hinunterfallen. Er mustert laufend Kirchen und andere hohe Bauwerke, um eine geeignete Aufstiegsroute zu entdecken. Im Sportgeschäft erklärt er dem Verkäufer, daß die meisten Steigeisen zu lange zweite Zackenpaare hinter den Frontzacken haben, mit denen man nicht im Fels klettern kann.

Für die bergsteigerische Zukunft machen sich die meisten echten Bergsteiger Sorgen, daß die neuen Bergsteigergenerationen nicht mehr die Erfahrung und Einstellung haben wie sie selbst. Aber auch hier gibt es Hoffnung. Sind nicht etliche Sportkletterer wieder ins Gebirge umgeschwenkt, auf der Flucht vor gesperrten Mittelgebirgen und überfüllten, südlichen Kletterparadiesen? Selbst im Himalaya gibt es seit einigen Jahren die neue Mischung aus Eis und neuntem Grad. Und wenn der echte Bergsteiger sowas hört, kann er sich vielleicht doch noch mit den silbernen Bohrhaken anfreunden, und den Spaß im Klettergarten ein klein wenig verstehen?

Hejuahe
Eckehard Plättner